Rainer Marx - Kein Strand nirgends - Művészetek Háza, Veszprém 2008
Als ich vor einiger Zeit einen Ernst Wilhelm Nay im Museum betrachtete, sagte eine Besucherin zu ihrem Begleiter, so abstrakt sei das Bild doch eigentlich gar nicht, sie erkenne hier durchaus Konkretes, Dinge, auch Subjekte. In der Tat, wenn man es darauf anlegt, trifft man überall auf diese alten Bekannten. Auf einmal jagt Tierisches durchs Bild, ein Unbekannter grimassiert aus Karmesinrot – und dort am Rand: die Reste eines Clowns. Ebenso verhält es sich mit grobem Wandverputz, einer Raufasertapete, über die das Auge gleitet, während es immer wieder Halt sucht in Strukturen, Mustern und Figuren. Bisweilen lassen sich derart ganze Geschichten erzählen. Aber ist das konkret?
Was ist es, das etwas auf der Leinwand zu einem bestimmten Gegenstand macht, wann ist ein Hund ein Hund und eben kein Wolf? Wenn wir anfangen würden, eine Conditio sine qua non zu suchen, ein bestimmtes Merkmal etwa, das notwendig zum Hundsein dazugehört, würden wir schnell sehen, dass es immer Beispiele gibt, die uns eines Besseren belehren. Denn jeder Gegenstand formt sich in einer Summe bestimmter Merkmale, deren Beziehung zueinander wichtiger ist als ihr jeweiliges Vorhandensein als solches. Will man diesen Ansatz wirklich konsequent weiterdenken, muss man auf das Gegensatzpaar »gegenständlich – abstrakt« verzichten und darf stattdessen nur noch von Abstraktionsgraden sprechen.
Anhand der Malerei von Ulrike Hansen und Jürgen Reichert lässt sich das wunderbar illustrieren. So verschieden ihre Kunst auf den ersten Blick auch sein mag, allein die Tatsache, dass ihre Werke in einem gemeinsamen Kontext stehen, lässt die »abstrakten Qualitäten des Gegenständlichen«, wenn man das so formulieren darf, hervortreten und vice versa. Der Vergleich zweier Bilder mit nahezu identischer Farbpalette soll verdeutlichen, wie ähnlich das Verschiedene sein kann.
Bei Jürgen Reichert entsteht Form, ganz in der Tradition der gestischen Malerei, eher zufällig. Die Leinwand ist sein Gegenüber, das befählt wird, immer wieder, bis aus den Berührungen mit dem Pinsel ein Körper entstanden ist, der sich auch mit den Augen ertasten lässt. Die diskreten Farbflächen verschwinden hinter dem bildnerischen Gesamteindruck wie die Merkmale eines Gegenstandes hinter seiner konkreten Vorstellung.
In Déjà-vu liegen die Farben in transparenten Schichten übereinander, wodurch sie nicht nur in der Fläche, sondern auch in der Tiefe des Bildes zueinander in Beziehung treten, ja interagieren. Eine Bildtiefe wird hier nicht durch Perspektive, sondern mittels einer Lasurtechnik zumindest andeutungsweise erreicht. Das Bild ist horizontal gegliedert, scheint im Fluss befindlich und erzeugt aufgrund seiner rhythmischen Struktur den Eindruck, als fließe es über die Grenzen der Leinwand hinaus. Die Farben mischen sich im Auge des Betrachters zu etwas, das als »Bild« zurückbleibt.
Ulrike Hansens Ahrenshoop besitzt ebenfalls eine horizontale Struktur. Eine Gruppe roter und gelblicher Farbflächen, die rhythmisch arrangiert sind, gerahmt in Blau, geerdet mit Grüngelb und nach oben hin offen: farbig changierendes Weiß. Das Bild besteht, grob gesagt, aus fünf übereinander liegenden Farbzonen, die aufgrund ihrer rhythmischen Struktur ebenfalls dazu einladen, über den Bildraum hinaus weitergedacht zu werden. Aus der Tatsache, dass die roten Flächen aus zwei verschieden Farbtönen aufgebaut sind, die sich diskret voneinander abgrenzen, entsteht der Eindruck von Perspektive. Und genau dieser Eindruck hebt sie als diskrete Formen gegenüber den gelblichen Farbflächen heraus, womit klar scheint: Rot durchbricht die kontinuierliche gelbliche Farbzone und nicht umgekehrt.
Warum aber sind wir so sicher, dass es sich bei diesen roten Quadern mit den paar weißen Strichen um Strandkörbe handelt? Wären wir auch ohne das Blau und das Gelb und das Weiß und das Grüngelb so sicher? Braucht man zur Vorstellung eines Strandkorbs auch die Vorstellung von Wasser, Sand, Wolken und Dünen? Nein, keineswegs. Und Ja, in jedem Fall.
Diese Strandkörbe sind wie Gefäße, in die ein Betrachter all das hineinlegen kann, was er an Voraussetzungen mitbringt, an Erfahrung, Assoziationskraft oder privater Erinnerung.
Um diesen Spielraum möglichst groß zu gestalten, befreit Hansen das Gegenständliche von seiner Eineindeutigkeit, bis zu einem Punkt, an dem es über sich hinauswachsen kann.
Beide Bilder lassen sich also als Spielarten ein und desselben Themas lesen, hängt man sie nur nebeneinander und schafft so einen gemeinsamen Kontext für die Rezeption. Was bei Ulrike Hansen bereits in stark abstrahierter Form vorliegt, findet sich bei Jürgen Reichert noch einmal dissoziiert, in Fragmente zerlegt und neu zusammengesetzt. Kein Strand nirgends.
Rainer Marx, 2008
Zuletzt aktualisiert am 27.05.2015 von admin.