Prof. Bernd Kerber - Die Bilder Jürgen Reicherts - 1986
Jürgen Reichert malt Schachbretter und Friese. Für einen Maler ist das Schachbrett als Hommage an Marcel Duchamp ein merkwürdiges Sujet, denn Duchamp, Vater einer antiretinalen Kunst, verstand Schach als intellektuelle Ataraxie und Indifferenz gegenüber ästhetischen Fragen. Schach dividiert die Bildfläche zu gleichmäßigen Iterationen – also Serien – anonymer und standardisierter Elemente. Schach als Muster entlastet also von bildnerischen Entscheidungen, befreit von Komposition im Sinne gespannten oder entspannten Gleichgewichts der Bildmotive. Schach ist, mit einem Begriff der amerikanischen Minimal Art, "non-re-lational", bezieht weder seine Teile aufeinander, noch das Ganze auf etwas außerhalb seiner selbst. Schach ist in positivem Sinne reine Tautologie. Schach als Schwarz-Weiß-Wechsel ist optisch ohne Interesse. Erst die Instrumentierung mit Buntwerten erhebt retinalen Anspruch. Schach als Norm erlaubt die Untersuchung standardisierter Farbelemente in ihrem Verhalten zueinander. Schach bringt also das quecksilbrige Medium Farbe auf den Begriff. Nun ist Reichert weder ein Konstruktivist, noch ein Vertreter der Minimal Art, und auch die Untersuchungen der Optical Art interessieren ihn nicht besonders. "Wir konstruieren und konstruieren, und doch ist Intuition immer noch eine gute Sache" ... beruhigen wir uns, Konstruktiv gilt nicht für total. Die Tugend ist, daß wir durch die Pflege des ... Exakten Grund legten zur spezifischen Kunstwissenschaft, mit Einschluß der unbekannten Größe x" schrieb Paul Klee, der sich mit dem Schachbrett ausführlich auseinandersetzte. Da finden sich Sätze wie: "Durch gleichmäßige Gliederung ist das Fortschreiten progressionslos und ohne den Reiz des Zunehmens oder Abnehmens. Die Einzelformen bleiben jedenfalls stehen. Ich selbst komme vorwärts, aber das Formenregulativ ist trotz Vielheit unproduktiv. Vermehrung bei Gleichmaß ist innerlich Stillstand". Bei Reichert springt bildnerische Ungeduld aus dem anonymen Regulativ des Musters, sprengt das repetierende Gitter und bringt Bewegung ein. "Bewegung und Gegenbewegung sind meßbar an" und "vollziehen sich 'über' dem strukturalen Rhythmus Schach". "Der dividuelleen Maßdarstellung stehen individuelle Farbhandlungen gegenüber" (Spiller). Aber und vor allem: der mathematische Rhythmus wird nun organisch. Die ursprünglich divisive Bildstruktur wird individuell, das heißt unteilbar, undenkbar, sind pars pro toto und Fragment. Klee hatte zum Schachbrett notiert: "Bei allen diesen Zahlenreihen kann man Teile wegnehmen oder hinzufügen, ohne ihren rhythmischen Charakter, der auf Repetition beruht, zu verändern. Der strukturale Charakter ist somit dividuell. Individuelle Gliederungen werden im Gegensatz zu den Strukturen nie bis auf I reduziert werden können, sondern bei Proportionen ... halt machen müssen". "Die Frage, ob dividuell oder individuell, wird entschieden durch unübersichtliche Ausdehnung oder übersichtliche Knappheit. Denn bei unübersichtlicher Ausdehnung können Teilungen willkürlich vorgenommen werden, ohne die vorliegende Gliederungsart zu stören. Bei übersichtlicher Knappheit aber kann nichts durch Teilung wegfallen und auch nichts hinzutreten, ohne das Individuum zu verändern oder es in ein anderes Individuum zu verwandeln". Reicherts Friese kehren zur Dividualität zurück. Die Simultaneität des Bildes ist in der Unüberschaubarkeit aufgehoben. Ablesbarkeit und Abschreitbarkeit und damit die Realzeit der Wahrnehmung kommen ins Spiel. Die Funktion des dividuellen Rastersystem im simultan überschaubaren Bild war die Stabilisierung malerischer Spontaneität. Im Fries bedarf es dieser faktischen Setzung nicht, da das Auge beim Ablesen die Division optisch leistet, weil es immer nur ein quantum discretum wahrnimmt. Beim Schachbrett strukturiert der Maler, beim Fries der Betrachter. Folglich kann die Spontaneität des Malers alleine das Bild tragen. Diese Spontaneität ist eine kultivierte, geprägte. Am Beispiel der Landschaft - die Horizontalität der Friese mag daran erinnern - hat Reichert sich mit dem späten Cezanne und dessen leuchtender, fast tonstufenloser Aquarellmalerei auseinandergesetzt. Das Festliche seiner Palette stammt von Matisse's augenfüllenden Bildern. Reichert arbeitet gestisch, doch nicht willkürlich. Vom Rahmen, vom Bildrand her erobert er das Feld, umkreist die Mitte, schafft Spiegelungen und Vertauschungen, will Beziehungen, das Augenfest für den Betrachter.
Prof. Bernd Kerber
Zuletzt aktualisiert am 16.10.2015 von Jürgen Reichert.