Dr. Sabine Graf - Die Aquarelle Jürgen Reicherts - Galerie Walzinger - 2003
Dr. Sabine Graf
“Von Kringeln, Flusen, der Problematik ihrer Verkettung und dem idealen Handschuh”
Die Aquarelle Jürgen Reicherts
Hab‘ ich nicht neulich Wochen davon gesprochen, dass das Erzählen unmöglich ist. Nein, nicht wegen des gewohnheitsmäßigen wie notwendigen Lügens, das dabei allenthalben stattfindet. Und doch auch Ja, sofern schlecht gelogen wird, und man merkt, dass da einer seinen Worten ein Kleid überzieht und am Ende die daraus gewebte Geschichte wie eine Klamotte mit zu langen Ärmeln oder mit überm Bauch spannender Knopfleiste daherkommt. Doch Worte ganz ohne Geschichten, ohne die sie fassende Form, zerfallen wie ausgetrockneter Lehm oder fliegen davon wie die in der Hand gesammelten Flusen. Doch nur in dieser reinen Gestalt, scheinbar unbearbeitet, bleiben sie das, was sie sind: Zeugnisse einer Wahrheit, die sich in der Ursprünglichkeit und Ungeziertheit ihrer Erscheinung erweist.
Es ist gleichermaßen schwer, das Erlebnis der Farben, in Worten wie in Bildern zu fassen, ohne sie zu verformen oder ihnen ein Gewand überzustülpen, das ihnen die Albernheit eines Kostüms verleiht.
Es gilt, die Wahrnehmung roh zu servieren.
Damit ist zugleich der Sprung über die Barrikaden hin zur Wahrnehmung verlangt. Was ihr im Weg steht, muss verschwinden. Die Hürde des Zeichens, des notorischen Wegweisers auf etwas Anderes muss genommen werden. Der Form ist zu entgehen, ob nun als Geschichte der Erzählers oder als Motiv des Malers. Figuratives, vor allem Abstraktes gibt vor, sich selbst zu sein, was es nicht ist. Noch zu stark prägt die Hand desjenigen das Bild, der es gemacht hat.
Der Weg zur reinen Farbe ist ein schweres Geschäft, aber es braucht leichteste Materialien dazu. Wasserfarben zum Beispiel. Auch verlangt es äußerste Konzentration, denn nur kurz ist der Moment, in dem man einen Blick auf die Farben hat und sie nur als Farbe wahrnimmt. Sofort will der Verstand die Farbe, den Stoff wieder in Formen kleiden. Dabei folgt er doch nur seiner Bestimmung, nichts jenseits von Stoff und Form zu sehen.
Man muss die Bilder in den Worten und im Kopf vertreiben, um zum allein von den Farben bestimmten Bild zu kommen.
Dann ist die Farbe auch mit Worten zu fassen. Sofern sie nicht über das jeweils vorhandene Bild hinausweisen. Solange sie das, was ist, beschreiben, sind die Farben weitgehend ungefährdet. Es geht darum, mit den Worten den Grad der größtmöglichen Unmittelbarkeit zu erreichen. Zu schaffen ist das freilich nie, denn jedes Wort verzögert die direkte Wahrnehmung, indem es aus dem ,,Es ist“ ein ,,Es war“ macht. Die Malerei bewahrt sich vor diesem Zeitsprung leichter, weil sie sich eher noch als die Worte dem Dingfestmachen durch Zuweisung bestimmter Inhalte verweigern kann. Sie kann stets unmittelbar sein.
Umso schwerer wird diese Aufgabe für die der Malerei folgen wollenden Worte, wenn im Bild neben den Pinselstrichen auf einmal auch feine Striche eines Stiftes auftauchen, die eine zweite Zeitebene in es einziehen. Dennoch bleiben sie und damit die Malerei Jürgen Reicherts der Unmittelbarkeit verbunden. Sie erweitern ihren Einfluss noch, weil es auf den Raum zwischen den Darstellungsformen ankommt. Er breitet sich im Bild zwischen den, mit unterschiedlichen Malmaterialien geschaffenen Ebenen aus. Mehr als er es je zuvor bei Jürgen Reichert getan hat. Der Raum erscheint atmosphärisch zwischen den verschiedenen Mal- und Zeichenvorgängen, oder er ist manifest als leer gebliebene, weiße Fläche auf dem Papier.
Der Raum ist notwendig geworden. Er nimmt den Atem der Farben auf. Ihre Dynamik und ihr Rhythmus, mal in regelmäßig sich wiederholenden Rundschwüngen, mal in staccatoartigen kleinen oder breiten, die Fläche ausfüllenden Strichen beherrschen das Blatt. Der Maler nimmt sich durch die Gleichförmigkeit seiner Gesten zurück, um nie den Eindruck des das Bild beherrschenden Subjekts aufzutreten. So wie es keine Zeichen, keine Abbilder gibt, soll es auch keinen geben, der markant im Bild die Fährte legt, die zu seinem Leben, zu seiner Person außerhalb führt.
Alles, was geschieht, geschieht im Bild.
Die Farben sind dicht gesetzt, lassen Platz und wollen in ihren Bewegungen immer auf kleinste Veränderungen in Gestalt von Überlappungen zweier oder mehrerer Farben, Kontraste und Übergänge hinweisen. Sie zeigen, was ihnen möglich ist. Farben und Form ergeben sich einander so wie der Handschuh sich der Hand fügt: Er ist als Form vorhanden, ohne dass er dabei das, was er umgibt, in seiner Gestalt verändert: Das Ideal, weil es die Dinge bei sich lässt.
Das Bild vollendet sich, wenn es die Farben zeigt, ohne sie in eine Form zu drängen oder in den Dienst einer Handschrift zu stellen, sondern sie zu sich führt. Die Malerei erweist sich dabei als einer der wenigen möglichen Orte dafür. Das geschieht aufgrund ihrer, aller Anfechtungen zum Trotz, Beharrlichkeit und zugleich Unbekümmertheit, sich der Verfügbarkeit von Farbe und Form zu verweigern.
Zuletzt aktualisiert am 16.10.2015 von Jürgen Reichert.