Aloisia Föllmer Katalogtext zur Ausstellung: Farbfluss 2014

„Malen, das heißt aus der Farbe das Bild formen.“
Ernst Wilhelm Nay Die Bilder von Jürgen Reichert sind Resultate eines intuitiven Malaktes, in welchem Unbewusstes stets mit schwingt. Spontan reagiert er während des Malprozesses auf gesetzte Farben und entstehende Formen und lässt sich von diesen anregen und leiten. So fließen in seine meist großformatigen Arbeiten sein ganzes Wollen und Fühlen, seine gesamte malerische Erfahrung und seine hohe künstlerische Sensibilität hinein.

In Anschauung seiner Bilder erlebt der Betrachter die Energie und Autonomie der Farben, die der Maler impulsiv und gleichermaßen kontrolliert auf die Leinwand bannt. Sie sind im Stil des abstrakten Expressionismus angelegt, wobei der Herstellungsprozess, den der Künstler je nach Bedarf mit unterschiedlichen Pinseln ausübt, nachvollziehbar bleibt.
Mit den Künstlern des abstrakten Expressionismus teilt Reichert die Befreiung vom Gegenstand und die Tatsache, dass er sich seinen eigenen psychischen Impulsen hingibt.
Gleichzeitig führen ihn Farbe und Licht zu einer gesteigerten Farbmalerei, die Ausdruck inneren Lebens ist. Sich solchermaßen von der materiellen Erscheinung der Dingwelt lösend und sie gleichsam durchdringend gibt er mit seinen Farbballungen eine Ahnung vom inneren Klang und vom verborgenen Rhythmus der Wirklichkeit.
Seit den 90er Jahren lassen sich Jürgen Reicherts Arbeiten, formal betrachtet, in zwei Bereiche einteilen. Da sind zunächst jene, die farbintensive, geballte Formen in spannungsreichen Farbkontrasten aufweisen. Diese vermischen, verdrängen und überlagern sich. Sie verdecken den Bildgrund weitgehend oder lassen die Assoziation von Raum entstehen, der sich bisweilen öffnet oder versperrt wird. Dabei zeugt die Vehemenz des Farbauftrags vom persönlichen Temperament des Künstlers, welches aber auch kontrolliert erscheint.
Denn die Präsenz runder, energievoller Farbformen, die in wechselnder Größe und Proportion nach vorne drängen oder nach hinten weichen, atmen Zufall und Notwendigkeit, Intuition und Planung gleichermaßen.
Die deutliche Begrenzung der abgerundeten Formen führt dazu, dass die Malgesten nicht ausufern, sondern vielmehr von der Kontrolliertheit der Formen wieder eingefangen werden. Hierdurch strahlen sie konzentrierte Kraft aus. Sie behalten ihre Energie bei sich.
Nahezu unbeschwert zeigen sie ihre warmen und kalten Eigenschaften, ihren reinen oder getrübten Ausdruck. So entfalten in Nachbarschaft zum Blau, Grün und Violett die warmen Rot- und Gelbtöne ihre Strahlkraft. Dabei leuchten sie ohne laut zu werden. Denn alle Farben fügen sich zu einem kraftvollen oder zarten, zu einem bunten oder auch poetisch sanften Bildganzen, welches Vielfalt und Einheit gleichermaßen atmet.
Je mehr der Künstler den Farbauftrag lockert, so dass der weiße Bildgrund den Gesamtklang mit bestimmt, desto mehr gewinnen die Bilder an Leichtigkeit und Transparenz.
Auch drängt der koloristische Gesamtklang dieser Bilder den Vergleich zur Musik auf. Analog zu dieser bewegen und schweben die Farben auf der Leinwand wie musikalische Töne, die ihren Klang entfalten und im Rezipienten nachhallen.

Der zweite Werkbereich von Jürgen Reichert wird von kleineren quadratischen oder rechteckigen Formen bestimmt. Der Künstler setzt Form auf Form, Farbe neben Farbe und erzeugt dadurch wie gebaut wirkende, meist lineare waagerechte Strukturen. Die neben- und übereinander gelegten Farben bewirken ein rhythmisch bewegtes gleichzeitig lockeres wie fest gefügtes Ganzes. Dieses erzeugt die Assoziation von Farbbändern, die vom Gleichmaß serieller Wiederholung geprägt werden.
Diese Bilder haben wie alle Werke des Künstlers keine Mitte, keine Stelle, die den Blick des Betrachters fixiert. Alle Farbformen sind vielmehr wie die Glieder einer Kette gleichberechtigt, gleichwertig, gleich wichtig.

Ihren besonderen Klang erhalten sie dabei durch das melodische Zusammenspiel der Farbtöne. Welche Farbe man auch in ihrem Verlauf verfolgt, es ergibt sich in der Regel eine klare Grundreihe, die in ihrer Gesetzmäßigkeit und Ordnung Meditatives atmet. Reicherts rhythmische Abstraktionen fangen Zeit und Bewegung ein. Sie sind bewegte Zeit, Bewegung in der Zeit.
Ob in pastosem oder transparentem Farbauftrag gemalt, stets bewirken die Bilder des Künstlers in ihrem Neben- und Übereinander mehr oder weniger fest gefügte Bildeinheiten, deren dynamische Strukturen von schnellen oder langsameren Tempi bestimmt werden.
Und es ist gerade die kompositionelle Geschlossenheit dieser farblichen Verflechtungen, die in ihrem fließenden oder stakkatoartigen Rhythmus die enge Verbindung von Kunst und Musik erkennen lassen.
Erfasst man alle Bilder von Jürgen Reichert in ihrem koloristischen Gesamtklang, dann sind sie von einer musikalisch-bildnerischen Konzeption geprägt. Diese stellt sie in den Reigen jener Werke, welche die Musikalisierung der Malerei der klassischen Moderne weiter führen und wie die Musik Resonanzen in der Seele des Betrachters erzeugen.
Mit der Polyphonie seiner Farben fängt der Künstler feinste Empfindungen ein. Dabei meidet er Pathos und Schwere zugunsten sinnlich heiterer Farbharmonien, die Leichtigkeit und Vitalität mit Poesie verbinden. Malerei wird zu einem Erlebnis der Sinne und der Seele.

Aloisia Föllmer

Zuletzt aktualisiert am 16.10.2015 von Jürgen Reichert.

Zurück